Kontaktunterbrechung und Kontaktstörung

von Philipp Steinmann

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Vom Ich und vom Du

Der Umgang mit Kontaktunterbrechung und Kontaktstörung

 

1. Einleitung

 

Bereits in den alten vedischen Schriften wird über die Bedeutung von Beziehung zwischen den Menschen geschrieben. Es geht um die Begegnungen zweier oder mehrerer Menschen auf der Ebene der Gefühle, der Selbst- und der Fremdwahrnehmung. Eine Begegnung wird dann als freudvoll, nährend, erweiternd erlebt, wenn sie uns in tief liegenden Schichten der Seele berührt.  In der Begegnung zweier Menschen findet etwas statt, das beide dazu bringt, etwas Tieferes über sich selbst zu erkennen, nach aussen zu bringen und sich selbst und den andern Menschen zu erfahren.  Dazu braucht es Kontakt. Im Besten Fall ist dies ein gegenseitiges Bezogensein, eine Faszination für das Gegenüber, die geprägt ist von Wertschätzung, Anerkennung und dem Wunsch des unbedingten Wachstums an sich Selbst und am Gegenüber. [1]Es ist ein Interesse am andern Menschen als ganze Person, nicht nur am äusseren Verhalten oder an den Symptomen, sondern auch wie er sich in seiner Haut fühlt, was seine Träume sind, was ihm fehlt, womit er unzufrieden ist in seinem Leben.

 

2. Klare Grenzen

 

Auf der Grenzlinien zwischen Ich und Du findet der Kontakt statt, findet Begegnung und Berührung statt. Wenn in einer Beziehung (unabhängig in welcher Form oder Abhängigkeit) die gefühlten und verhandelten Grenzen unklar abgesteckt sind,  können alle Seiten nicht so funktionieren, wie ihnen wohl ist. Die Energien verschieben sich zum einen oder andern Raum hin. Dann ist keine Wechselwirkung mehr möglich, in der Ich „Ich“ bleibe und das Du "Du". Die Gesundheit beider Pole hängt von einem guten Zusammenspiel, einer gesunden Interaktion ab. Dazu ist es notwendig, den eigenen Innenraum wahrzunehmen, ihn zu kennen und zu wissen, welche Bedürfnisse vorhanden sind.

 

3. Gleichgewicht zwischen Bedürfnis und Forderung

 

Wenn das Gleichgewicht zwischen den persönlichen Bedürfnissen und den Forderungen einer Gruppe/Beziehungspartner/Arbeitspartner nicht mehr sichergestellt ist, verwirrt das. Auch hier gibt es keine klare Abgrenzung mehr und ein bewusster Kontakt ist nicht mehr möglich. Es entstehen verschiedenste störende Gefühle: Angst, Ärger, Verwirrung, Groll, Enttäuschung usw. In diesem Fall wird die Lebensenergie konfliktreich abgeleitet. Es entsteht Kontaktverlust, Kontaktstörung oder Kontaktunterbrechung.

 

4. Kontakt als Austausch

 

[2]Kontakt ist in der Gestalttherapie die Bezeichnung für einen Prozess des Austausches, z.B. zwischen Organismus und Umwelt. »Kontaktfähigkeit« bezeichnet die Fähigkeit, den »Kontakt« herzustellen, und »Kontaktgrenze« die entsprechende Fähigkeit, sich gegenüber der Umwelt als selbständiger Organismus zu behaupten und die eigenen Bedürfnisse zur Geltung zu bringen.

 

Kontakt, Begegnen, Berühren, Präsent sein belebt, bringt den Organismus in Vibrationen und nährt Seelenanteile. Über unsere Sinne wird Kontakt hergestellt. Ein Blick kann tief nach innen gehen, kann berühren wie ein sanftes Streicheln. Oder Worte an präsent Zuhörende gerichtet verbindet Sprechende und Hörende. Eine Umarmung, die gefüllt ist mit Präsenz und Wertschätzung berührt die Seele, schafft Vertrauen und Zugehörigkeit. Eine Bewegung, eine Geste lädt zu Kontakt ein. Anders wirkt „Ich kann dich nicht riechen“. Das verunmöglicht Kontakt und schafft Distanz. Kontakt bedeutet, sich seiner inneren Gefühle und Wahrnehmungen bewusst zu sein, diese situationsgerecht zu benennen und adäquat zu handeln.

 

5. Kontakt kann gestört oder unterbrochen sein


Kontakt kann jedoch schwierig sein, für das innere System sogar existentiell gefährlich. Oft haben wir Strategien entwickelt, um zu vermeiden, dass wir in einem tieferen Kontakt zu den eigenen Gefühlen sind. Es wird vermieden, wirklich alles zu fühlen und bei der momentanen Erfahrung ganz präsent zu sein. Anstatt das Risiko einzugehen, verletzlich und authentisch zu sein und sich auch so zu zeigen, scheint es oft einfacher den Kontakt zu reduzieren, zu verändern, abzubrechen oder von Anfang an nicht entstehen zu lassen.

 

Wegblicken oder etwas Weg-Lachen, das Thema wechseln, alles schon im Voraus wissen, mit monotoner Stimme oder schnell sprechen, abschwächen, nicht die volle Wahrheit sagen usw.  sind Strategien, die den Kontakt abschwächen, abbrechen oder gar verunmöglichen. Kontaktstörungen sind ein meist unbewusstes Muster, mit denen Kontakt unterbrochen wird. Die nicht abschliessende Liste zeigt Verhalten, die zu Kontaktstörungen führen können.

 

·        Witze machen/Humor

·        Ich weiss das schon

·        Überwältigt sein

·        Ich passe sehr gut auf mich auf

·        An deinem Problem ist jemand anderes schuld

·        Nicht die ganze Wahrheit sagen

·        Nur das sagen, von dem du denkst es sei akzeptabel oder politisch korrekt

·        Die Maske des guten Aussehens

·        Schüchternheit

·        Intellektualisieren (Warum anstelle von Wie)

·        Analysieren

·        Tough/Hart im Nehmen sein

·        Ich bin ein Profi

·        Zynismus

·        Ein falsches Lächeln

·        Sich um andere kümmern

·        Abwarten

·        Recht haben

·        Andere ablehnen, bevor sie dich ablehnen können

·        Sich in Kleinigkeiten verzetteln

·        Verführen

 

6. Kontaktunterbrechung oder Kontaktstörung

 

Beide sind meist unbewusste Prozesse, die oft aus einem antrainierten Muster hervorgehen. Damit schützt das innerpersonelle System eine Selbstidentifikation, die auf Grund von Gefühlsbewegungen gefährdet scheint. Bewusst initiierte Unterbrechungen tragen das Potential in sich, Stagnationen aufzulösen, in dem z.B. eine zeitliche oder räumliche Distanz zum Problem geschaffen wird.

 

Das Erkennen von Kontaktunterbrechung oder –störung kann ein schwieriges Unterfangen sein, da sich diese ja durch Unbewusstheit auszeichnen. Der Mensch „merkt“ es nicht. So können Abbrüche, Störungen oder gar gänzliche Kontaktlosigkeit als „normal“ und zum Leben zugehörig gelten. Erst in einer retrospektivischen Erforschung mit Einbezug von Körpersignalen kann sich zuerst eine Ahnung, später eine Bewusstheit über das Verhalten bilden.

 

Die hier aufgeführten Verhaltensmuster kommen selten für sich alleine vor. Das eine oder andere Verhalten kann sich zwar signifikanter abzeichnen, wechselt sich jedoch oft ab. Eine starke einseitige Verhaltensausrichtung begünstigt ein starkes neurotisches Verhalten. In einer gesunden Beziehung zum Ich und zum Du liegt es in der Natur des Menschen, Kontakt immer wieder herzustellen. Der Mensch verfügt über ein natürliches Korrektiv, das ihn immer wieder in die Gemeinschaft zurück lockt.

 

Nachfolgende sind die gemäss dem gestaltpsychologischen Ansatz signifikantesten Formen der Kontaktunterbrechung oder Kontaktstörung aufgeführt.

 

Projektion

ein (Gefühls-)Objekt wird negiert und nach aussen abgewendet

Introjektion

ein Subjekt (der fühlende Mensch) negiert seine Fähigkeit auf das Objekt zu wirken.

Retroflektion

ein zum Objekt gerichteter Impuls wendet sich zu sich selbst. Das Subjekt wird zum Objekt.

Konfluenz

der Unterschied und damit die Kontaktgrenze werden negiert, Objekt und Subjekt werden eins.

Deflektion

Es gibt keine Wahrnehmung von Subjekt (Ich) und dem Objekt (Gefühle, Verhalten, Aussagen) und damit keine Kontaktgrenze.

 

[3]Erläuterung:

 

Projektion

 

Ein Mensch projiziert, wenn er seine Gefühle und Aktionen nicht akzeptieren kann oder darf. Es gibt in ihm eine innere Instanz, die es „verbietet“ so zu handeln oder zu fühlen. Das Ergebnis ist eine Spaltung zwischen seinem tatsächlichen Charakterstil und dem, was er über seine Gefühle weiss. Statt diese Eigenarten bei sich selber wahrzunehmen, findet er sie überall bei den andern Menschen. Seine Energie ist nach aussen gerichtet, zum Du hin. Das Gegenüber wird nicht so wahrgenommen, wie es ist, sondern mit eigenen Interpretationen und Fantasien überblendet.

 

In der Projektion wird die Grenze zwischen dem Selbst und dem übrigen Teil der Welt zum scheinbaren Vorteil des Selbst verschoben. So werden Dinge, die ein Mensch schlecht bei sich annehmen kann, auf die andern geschoben, eben projiziert. Anstatt zu sagen: „Es fällt mir schwer, mich so anzunehmen wie ich bin“ sagen wir „So bin ich nicht. Das sind die Anderen.“

 

„Was du vom andern sagst, das bist du selbst“. Gefühle, die nicht offen und ehrlich herausdürfen, schmuggeln sich verhüllt durch die Hintertüre (z.B. über die Projektion) hinaus, um sich Geltung zu verschaffen. Wenn ein Mensch sich vorstellen kann, dass er Eigenschaften besitzt, die er bei andern Menschen sieht, wird sein rigides Identitätsgefühl gelockert und erweitert.

 

Introjektion

 

ist die Umkehr der Projektion. Die Energie des Menschen richtet sich in einer negierenden Art gegen sich selbst. In der Gestaltarbeit wird Introjektion als das unverdaute, ungeprüfte „Schlucken und Nicht-Verdauen“ angesehen. Wenn ein Mensch eine Meinung, eine Norm, eine Wertung oder Wahrnehmung eines andern Menschen oder einer Gruppe unreflektiert und ungeprüft in sich aufnimmt, geht er nicht wirklich in Kontakt mit dem Gegenüber. Eine gesunde Verhaltensweise prüft die Aufnahme von Meinungen, Fakten und Normen. Der Mensch unterscheidet einerseits die für ihn nachteiligen Aspekte und lehnt diese überwiegend ab, andererseits nimmt er zuträgliche Objekte in sich auf und integriert sie idealerweise über einen kürzeren oder längeren Prüfungsprozess. Sie werden zu einem förderlichen Teil des Organismus. Ungeprüft introjizierte Objekte können später zu „Du sollst“ werden – integrierte, übernommene Verhaltensweisen, die von äusseren Autoritäten (in der Kindheit oft Eltern und  andere Kontaktpersonen) aufgezwungen wurden. Sie gehören nicht wirklich zu einem gesunden Organismus. Die Schwierigkeit beim Auflösen von erlernten und tief verwurzelten Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern liegt darin, dass die Introjekte nicht wahrnehmbar sind, weil sie lange Zeit als generisches Lernmittel derart assimiliert wurden, dass sie Teil der Charateristik eines Menschen sind. Beispiel: Jeweils am Ende einer Veranstaltung  verlässt ein Mann diese sehr schnell und oft ohne sich zu verabschieden. Er vermeidet den Kontakt zu andern Menschen, wenn die äusseren strukturellen Bedingungen nicht mehr vorhanden sind. Dem Mann fehlt die Fähigkeit frei mit Menschen in Kontakt zu gehen. Die übernommene Norm, produktive Leistungen zu liefern, schränkt seine Entscheidungsfreiheit und Kontaktfähigkeit ein. Der introjizierte Glaubenssatz heisst „me lifferä statt lafferä“ (schweizerdeutsche Aussprache für mehr liefern (leisten) statt reden)

 

Wie jede Kontaktstörung hat auch die Fähigkeit zur Introjektion einen Sinn. So kann es sein, dass unter Zeitdruck die Prüfung einer Norm, einer Aussage nicht möglich ist. Die Situation verlangt ein sofortiges Handeln. Dann wird das Objekt vorerst introjiziert und liegt, wenn unverdaubar „schwer im Magen“ oder es wird selbstbestimmt verdaut und wieder ausgespien.  

 

Retroflektion

 

Ein retroflektives Verhalten zeichnet sich dadurch aus, dass zuerst Energie für einen Kontaktversuch aufgebaut wird, dieser dann aber abgebrochen wird und die Energie sich dem Selbst zuwendet in negativer oder positiver Form.  Dazu gehören introjizierte Normen, die dem Menschen verunmöglichen, seinen spontanen Impulsen zu folgen. Der betroffene Mensch fügt sich selber zu, was er gerne andern Menschen zufügen würde oder sich das antut, was er möchte, dass ein anderer Mensch mit ihm tut. Der Mensch spricht dann mit sich selbst, befriedigt sich selbst, wird für seine Handlungen seine eigene Zielscheibe. Die Fähigkeit der Retroflektion schützt den Menschen davor, übertriebene reaktive Emotionen wie mörderische Wut, Hass, Mitleid und andere massive Gefühlswallungen in inadäquater Weise auf seine Umwelt zu übertragen. Dann figuriert die Retroflektion als ein sinnvolles Korrektiv des Selbst, das mit den tatsächlichen Begrenzungen umgeht. Wenn ein Mensch jedoch zu oft reflektiert, bleibt er im Gefängnis widerstreitender Kräfte gefangen, seine Sponanität und Lebensfreude reduziert sich. Die Ventile zu seiner Aussenwelt sind verschlossen. Die Energie stagniert und leitet nicht in notwendige Handlungen weiter.

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Konfluenz

 

Wenn es nicht erlaubt oder zu gefährlich ist, anders zu sein und keine Unterscheidungen mehr zwischen dem Selbst und seiner Aussenwelt sicht- und fühlbar sind, wird die Kontaktgrenze negiert. Der Kontakt wird vermieden, indem der Mensch sich gleich stellt, Erwartungen ungeprüft erfüllt, sich nicht abgrenzt, keine Position bezieht. Es ist ein Linderungsmittel mit einem oberflächlichen Arrangement, das Nähe und Harmonie herstellen soll. Gerade in der Verliebtheitsphase einer neuen Liebesbeziehung dient die Konfluenz dazu, das Gefühl von Sicherheit zu erwirken. Häufig wir dies durch intensive sexuelle Aktivitäten versucht zu erreichen.  Für eine längere Beziehung ist die Konfluenz ein untaugliches Mittel, da es die unterschiedlichen Wahrnehmungen negiert.  Die gegenteilige Form der Konfluenz ist die scheinbare Abgrenzung. Die Quelle des ständigen „Dagegenseinmüssen“ ist nicht ein von der Umwelt unabhängiges Prüfen der Situation, sondern er misst sich am Massstab der andern. Der Mensch ist nicht wirklich unabhängig, sondern handelt in der Abhängigkeit des Widerspruchs.

 

Sinnvoll kann die Konfluenz sein, um Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeit in einer Gruppe herzustellen oder zu erhalten, während das Beharren auf dem eigenen Standpunkt hinderlich sein kann.

 

Das Gegenmittel zu Konfluenz ist der selbstgewählte Kontakt, das differenzierte Wahrnehmen und die Artikulation. Der Mensch ist sich der Unterschiedlichkeit der Gefühle und  der Seinszustände bewusst und weiss, dass er trotzdem geliebt ist und sich zugehörig fühlen kann. Selbst in einer tiefsten, spirituellen Verbindung weiss der Mensch um den Kontakt an der Kontaktgrenze und bewegt sich zwischen Einssein und profundem, erhöhtem Gefühl für sich selbst und das Gegenüber.

 

Deflektion

 

Ein Mensch, der deflektiert unterbricht oder stört den Kontakt, indem er sich von seinem eigenen Bedürfnis, seinen Handlungsmöglichkeiten oder von der Umwelt abwendet. Sowohl die eigene Gefühlslage, als auch die Umwelt mit ihren Ansprüchen werden negiert. Der Mensch lässt sich nicht auf das momentante Geschehen ein und /oder hat keine Kraft zum Handeln. Ein Kontakt wird vermieden oder abgeschwächt durch Rückzug. Dies kann unterschiedlich erreicht werden, z.B. durch ausschweifendes Reden und Erklären, ein stets scherzhafter Ton, die eigenen Worte in Frage stellen, das Gegenüber nicht ansehen oder man spricht über die Vergangenheit statt über das gegenwärtige Erleben.

 

Damit wird erreicht, dass allgemein die Handlungen verwässert werden. Der Kontakt wird verwässert. Damit entsteht beim Gegenüber oft das Gefühl, dass er für das was er tut oder sagt nicht genügend bekommt oder gewürdigt wird oder dass seine Anstrengungen nicht die gewünschten Ergebnisse bringen. Der deflektierende Mensch seinerseits erlebt sich oft als ungeliebt, gelangweilt, verwirrt, interesselos, zynisch, unwichtig und fehl am Platz. 

 

Im innerpersonalen Gefühlsszenario bewirkt die Deflektion, dass Gefühle und Körpersensationen nicht wahrgenommen werden (können). Es lässt sich beobachten, dass sich bei diesen Menschen oft eine Ruhe ausbreitet, die sie selbst als spirituelles Einssein bezeichnen. Diese bezieht sich jedoch weniger auf einen geläuterten Zustand, sondern vielmehr auf die existentielle Notwenigkeit, gewisse Gefühle nicht fühlen zu „dürfen“.

 

In gewissen Umständen kann die Deflektion eine sinnstiftende Funktion haben z.B. um mit diplomatischen Worten einen Konflikt zu verhindern oder um sich vor der Überforderung an zu vielen (und zu schnellen) Kontaktangeboten zu schützen. Ein authentisches Verhalten berücksichtigt sowohl das Wahrnehmen was jetzt gerade geschieht als auch das Ausblenden, was nur ablenken würde.

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7. sinnvolle Kontaktstörungen

 

Störungen können sinnvoll sein. Eine zurückgehaltene Meinung kann einen Konflikt entschärfen. Eine gesunde Retroflektion ist eine gute Selbstfürsorge. Konfluenz in einem sexuellen Kontakt kann zu spirituellen Erfahrungen führen. Das Nicht-Wahrnehmen (Deflektion) von selbstverletzenden Gefühlen schützt das Ich vor erneuter Traumatisierung. Eine sinnvolle Introjektion kann helfen sofort zu handeln, weil keine Zeit für eine Prüfung vorhanden ist.

 

In der Gestalttherapie werden Kontaktstörungen als eine reife Leistung der Seele angeschaut, mit der diese das innere System schützt. Ein System, das sich seit der Kindheit gebildet hat und für das damalige Überleben wichtig war. Meist laufen Kontaktstörungen unbewusst ab. Sie wurden gebildet in einer Zeit, als der Organismus noch nicht frei war zu wählen und zu bestimmen. Das Kind musste sich anpassen, musste den Kontakt unterbrechen um sich vor einer seelischen Überforderung zu schützen. Im Aussen wurden diese erzeugt durch Bezugspersonen und die Lebensumstände. Im Innern waren es überwältigende, das Selbst vernichtende Gefühle und nicht zu stillende Bedürfnisse. 9

 

Der Preis, der für unbewusste Kontaktunterbrechungen bezahlt wird, ist der Verlust der Spontanität und Lebendigkeit. Einsamkeit (auch in Beziehungen), sexuelle Antriebslosigkeit, Sinnlosigkeit und Sprachlosigkeit können das Resultat daraus sein. Die Gestalttherapie unterstützt das Erkennen von Störungen, ermöglicht das Wahrnehmen von Gefühlen und  Körperreaktionen und schafft eine Verbindung zum Selbst. Das bewusste Wahrnehmen von Bedürfnissen und Vermeidungsstrategien führen dazu, dass ein Mensch frei wählen kann, sowie sich selbstbestimmt ausdrücken und leben kann. Seelische Verletzungen können auf den Weg der Heilung gebracht werden.



[1] Frank M. Stämmler, W. Bock 2004, Ganzheitliche Veränderung in der Gestalttherapie, Peter Hammer Verlag

[2] Stefan Blankertz und Erhard Doubrawa, 2005, Lexikon der Gestalttherapie, Peter Hammer Verlag

[3] Ervin und Mirjam Polster, 2001, Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie, Peter Hammer Verlag

 



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