Mit der Traumarbeit Träume verstehen

von Philipp Steinmann

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Träume sind ein zu kostbares Gut, um sie unbefragt vorbeiziehen zu lassen. Sie wollen wahrgenommen und entschlüsselt werden. So können sie uns ihre Geheimnisse offenbaren. Der Traum verwirrt, irritiert, inspiriert und motiviert. Wer in Kontakt ist mit seinen Träumen, ist auch in Kontakt mit seinen Gefühlen, mit seinem Innersten, mit dem was bewegt, auch mit den unbewussten, ungelebten Anteilen.

 

Wie jedes Geschehen und jede Gefühlsregung bestimmen Träume unser Wachbewusstsein mit. Die Nachtfantasie, die sich im Traum äussert ist weitaus mächtiger als die Tagfantasie je sein könnte. Im Schlaf haben wir uns in uns selbst zurückgezogen. Hier beginnt die Psyche uns einen Teil ihrer Botschaft zu vermitteln.

 

Das Schöpfen aus den nächtlichen Erlebnissen ist ein äusserst kreativer Vorgang und führt zu einem vertieften Wahrnehmen der eigenen Persönlichkeit. Der Traum mit allen seinen Objekten und Subjekten kommt aus dem Innern selbst. Es ist eine Geburt unseres Kopfes, des Körpers, der Seele und des Geistes. Er hat damit den gleichen Anspruch auf Wahrheit oder Wahrhaftigkeit wie jede andere Art von Wahrnehmung (Kontemplation, Suggestionen, Tiefenimagination, schamanisches Reisen usw). [1]Das träumende Ich ist wandelbar, kann sich vervielfachen, ist gefühls- und affektgesteuert, selbstvergessen, kann auf Stufe stammesgeschichtlich früher Themen absinken, ja selbst zum magischen Tier werden.

 

Was ist ein Traum? – ein wissenschaftlicher Exkurs

 

[2]Die Wissenschaft zieht um die Grenze des Begriffs eine enge Definition. Träumen ist die psychische Aktivität während des Schlafes. Der Traum oder Traumbericht ist die Erinnerung an die psychische Aktivität während dem Schlaf. Gemeint ist damit vorallem das ganzheitliche Erleben von Wahrnehmung, Fühlen und Denken. Heute geht man davon aus, dass Träume nicht nur während den REM*-Phasen stattfinden, sondern dass das Gehirn auch während den NREM-Phasen aktiv ist. Träume sind  subjektives Erleben das mit keiner Messtechnik der Welt gemessen werden kann. Erinnerungen an Träume aus der NREM-Phase sind in der Regel kürzer, weniger bizarr und gleichen eher Gedanken. Sie enthalten meist weniger Bilder.

 

*“rapid eye movements“: schnelle Augenbewegungen, die dieser Schlafperiode den Namen gegeben haben.

 

„Traumart“

Rückerinnerungen an:

REM-Träume

Psychische Aktivität während des REM-Schlafes. 80% der in dieser Phase geweckten Menschen berichten von bildhaften  und  gefühlten Eindrücken und Erleben.

NREM-Träume

Psychische Aktivität während des NREM-Schlafes. 50% der aus der NREM-Phase geweckten Personen haben Erinnerungen, allerdings kürzer, weniger bizarr als während REM-Phasen

Einschlafträume

Psychische Aktivität während der Schlafestadium 1: Erinnerungen während des Einschlafens. Sie sind meist nur bewusst, wenn Schlafende durch äussere Umstände geweckt werden. Einschafträume gleichen eher Gedanken als REM-Träumen. Die Themen sind häufig eine oft ins Bizarre führende gedankliche Weiterführung von Wachgedanken. Allerdings gibt es grosse Unterschiede des Erlebens zwischen verschiedenen Menschen.

Alpträume

REM Träume mit stark unangenehmen Affekt, der zum Erwachen führt. Sie sind meist mit Angstzuständen verbunden. Sie unterscheiden sich zu Angstträumen oder „schlechten“ Träumen, die ebenfalls sehr starke negative Gefühle beiinhalten, die aber nicht zum Erwachen führen.  [3]Meist sind traumatische Ereignisse die Quelle der Alpträume. Luzides Träumen kann zur Bewältigung von Alpträumen hilfreich sein.

Pavor nocturnus

Nächtliches Aufschrecken mit Angst aus dem Tiefschlaf, evt. Auftreten von NREM-Träumen. Meist Kinder leiden unter dieser Schlafstörung. Meist zu Beginn der Nacht kann das Aufwachen zu Schlafwandeln führen. Der Zuständ hält oft etliche Minuten an wobei die Person meist nicht ansprechbar ist. Konktrete Traumbilder sind sehr selten.

Posttraumatische Wiederholungen

REM- oder NREM-Träume, die eine realistische Wiederholung eines Traumas darstellen. Das Phänomen scheint mit den typischen Rückerinnerungen (Flashback) verwandt zu sein, die bei traumatisierten Personen während des Tages auftreten können.

Luzide Träume (oder Klarträume)

REM-Träume, in denen das Bewusstsein vorliegt, dass gerade geträumt wird. Damit kann bewusst auf das Traumgeschehen Einfluss genommen werden. Die Träume werden oft als lebendiger und  gefühlsintensiver wahrgenomme als „normale“ Träume. In der Regel sind 0.3% bis 0.7% aller Träume luzide, bei sehr trainierten Personen liegt der Anteil bei maximal 6.5%. Die meisten (Oneironaut[4]) Träumenden beschäftigen sich während des luziden Träumens mit der Kunst zu Fliegen und sexuellem Erleben. Alpträume können durch die Technik des luziden Träumens verändert werden.

 

 

Die Wissenschaft finden immer ausgereiftere Methoden, unsere Innenräume greifbar zu machen. Die Psychoanalyse mit ihrem bedeutendstem Vertreter Sigmund Freud, geht davon aus, dass die Träume unbewusste seelische Prozesse sind. Kein Detail sei zufällig, alles lasse sich aus der Lebensgeschichte erklären. Die Neurobiologen verwerfen die Erinnerungen der Träumenden als zufällig. Im Schlaf erzeuge das Gehirn zufällige, chaotische Signale. 6„Wir sollten in Betracht ziehen, dass der Trauminhalt auch geistiger Müll sein kann“, schrieb 2002 der Amerikaner Allan Hobson, einer der Pioniere der neurobiologischen Traumforscher. Mittlerweile stehen weltweit riesige Datenbanken zur Verfügung. 2012 gelang es einem japanischen Labor, Träume mit einem Hirnscanner in Echtzeit aus den Köpfen zu erfassen.[5]  Möchte man jedoch die Kraft des Träumens erhalten, also das direkte Erleben, ist der Traum nur in der Rückerinnerung zugänglich.

 

Der Anfang der analytischen Traumdeutung (Freud und Jung)

 

2Der Traum gilt gemäss Freud als den „Königsweg zum Unbewussten“. Für ihn ist der Traum hauptsächlich mit einer Wunschvorstellung verbunden, allem voran mit sexuellen, tiebbehafteten Wünschen. Freud geht davon aus, dass das Unbewusste ein Wissen hat, von dem jedoch die Person nichts wissen möchte. Im Schlaf wirkt etwas was Freud die Traumzensur nennt. So ist der Traum ein Verschlüsselung von etwas Unangenehmes, das entweder Angst, Scham oder Schuldgefühle verursacht. Der Traum muss täuschen, damit er nicht von vornherein als eigentliche Wunscherfüllung erkannt wird. Nach Freud muss die Bedeutung eines Traumes in einem komplizierten Prozess der freien Assoziation erarbeitet werden. Ziel ist es, dass sich der Traum nach vollendeter Deutung als Wunscherfüllung darstellt. Auch Angstträume sind die Kehrseite eines Wunsches, da sich der Mensch vor den Wünschen fürchtet. Dann programmierte das Über-Ich einen unangenehmen Traum, der die Wunscherfüllung eines verdrängten Teils ist.

 

Anders sieht es C.G.Jung. Für ihn war die Sexualität nur ein Teil des Seelenlebens. Er erkannte in den Träumen allgemein menschliche Verarbeitungsprozesse. Im kollektiven Unbewussten sind die Urbilder der Menschheit abgebildet, die er Archetypen nannte. Sie erzeugen nicht nur emotional bedeutende Bilder, sondern sie sind auch für das Wahrnehmen, das Gefühlsleben und das Verhalten massgebend. Bilder in den Träumen sind die wahrhaftige Sprache der Seele, also nicht entstellte infantile Wünsche wie Freud sagt. In den Träumen bilden sich emotional bedeutsame Geschichten ab, in denen auch das Ergänzende, Ausgleichende angeboten wird.  Es können mythologische Themen auftreten. Das sind archetypische Träume, die besonders eindrücklich sind. Sie treten meist auf, wenn Änderungen im Leben anstehen. Jung sieht darin auch ein Selbstheilungsversuch der Seele mit einer zielgerichteten Orientierung. In seiner Traumdeutung geht es darum, dass der Traum emotional wirken soll, denn die Emotionen leiten Veränderungen ein.

 

Träume in der Gestalttherapie

 

Die Hauptidee der Gestalttheorie ist, dass innerlich nicht abgeschlossene Angelegenheit nach Vollendung, nach Vervollständigung drängen. Jedes nicht gelebte Gefühl möchte gelebt werden, da es sich ansonsten in den Gedanken und Fantasien ausbreitet. Diese offenen Gestalten drücken von allein an die Oberfläche der Bewusstheit, sobald das Gefühls- und  Gedankensystem dies zulässt. Fritz und  Laura Perls als Begründer_in der Gestalttherapie erachteten als Ziel, dass der Mensch sein verlorenes Potential zurückgewinnt, seine konflikthaften Polaritäten integrieren und ein authentisches Verhalten lernt. So wie die Persönlichkeit fragmentiert auftritt, so sind auch die Träume. Viele Teile sind weder miteinander verbunden, noch arbeiten sie vernetzt. Sie müssen noch zu Ganzheiten zusammenfinden, um ein Individuum wirksam sein zu lassen. Damit die Traumarbeit erlebt werden kann, kommen die verschiedenen Anteile in den Vordergrund und  zueinander in Beziehung. Traumfiguren, Symbole, Gesten, Landschaften, Tiere, Dinge repräsentieren Anteile der Träumer. Ziel ist die Integration von schwierigen Figuren wie bedrohliche, eklige oder sonstwie abstossende Gestalten. In der Arbeit mit den einzelnen Sequenzen werden die Botschaften sichtbar.

 

Träume nach Arnold Mindell[6]

 

Mindell nimmt nicht nur Nachtträume, sondern auch Tagträume als Material der Erkenntnissgewinnung. Nachtträume sind bloss eine Reflexion des kontinuierlichen Flusses subtiler Signale oder "Flirts", die 24 Stunden am Tag in unser Bewusstsein eintreten und vom Traummacher herstammen. Mit seiner Aussage „Der Körper lebt das aus, was der Geist nachts träumt.“ meint er, dass Träume Botschaften sind, die noch nicht das Bewusstsein erreicht haben und die oft schwer für den Betreffenden und für sein Umfeld zu akzeptieren sind. In der Traumkörperarbeit geht es darum, die tiefere Ebene von Körpersymptomen zu erfahren.[7]

 

So wird in der Traumkörperarbeit versucht, die tiefere Ebene des Symptoms in Erfahrung zu bringen. Mindell unterscheidet zwischen primären und sekundären Prozessen. Mit primärem Prozess sind alle Abläufe in und um einen Menschen gemeint, die mit der Vorstellung übereinstimmen, die er von sich selbst hat. Sie sind dem Bewusstsein nahe. Der sekundäre Prozess ist zwar auch immer allgegenwärtig, aber nicht bewusst. Dazu gehören auch die nichtinhaltlichen Teile einer Kommunikation, Gestik, Stimme, Bewegungen, die nicht kontrolliert sind. Auch Krankheitssymptome sind Teile eines sekundären Prozesses, dessen Sinn nur vage bewusst ist. Der sekundäre Prozess ähnelt etwas dem Begriff des Unbewussten, deckt sich aber nicht völlig damit.

 

Schamanische Traumarbeit

 

1Alle Schlafenden erträumen sich eine eigene Welt – leider aber wissen sie nichts von einander. Als Träumende finden wir uns immer in einem gemeinsamen Erlebnisraum und nicht der in unserem Inneren verborgene Raum unter der Schädeldecke. Wir erleben uns nie im Innern des Hirns oder eine Seelenraumes. Nur das Wachsein kennt ein Inneres. Träumen spielt sich immer in einer Aussenwelt ab. Erst nachträglich und im Wachzustand können wir die Welt des Träumens als Imaginationsraum in unser Inneres verlegen. Es scheint, dass wir nachts in die Vorzeit unserer Bewusstheit zurückkehren.

 

Joseph Campbell sagt: „Träumen sind persönliche Mythen. Mythen sind kollektive Träume“. Wenn wir den Träumen eine Wirklichkeit geben und  sie verbinden mit der mystischen Wirklichkeitserfahrung der Schamanen, dann erscheint das Bewusstsein wie das Meer, aus dem Inseln des Wachsens und Insel des Träumens aufsteigen. Wir könnten uns vorstellen, unsere Wachwelt sei ein während vieler Generationen gemeinsam erträumter Kontinent des Wachens, eine verdichtete Form des Träumens. Das Meer ist die Unendlichkeit des Bewusstseins. Ein Bewusstsein, das sich noch nicht in Formen, Gestalten, Szenen verfestigt, sondern nur als Urkraft träumendes Bewusstsein. In dieses Bewusstsein sinken wir jede Nacht beim Einschlafen. Für die Schamanen und Schamaninnen ist die Natur, die Erde, der Kosmos die vollkommene Verwirklichung eines über allem stehenden alles verursachendes Bewusstsein. Im Träumen begegnen wir der Lebenskraft, die in allem wirkt, was ist.

 

Der Unterschied zum psychologischen Verstehen und der schamanischen Sichtweise bezieht sich auf die Wirklichkeit des Traumbewusstseins und die Kräfte des Träumens.

 

-     Die Seele und das Bewusstsein kommen mit einer anderen Wirklichkeit in Kontakt, die als Lichtwirklichkeit ebenso real ist, wie unsere Alltagswirklichkeit.

-     Die Seele begegnet der unviersellen Lebenskraft. 

-     Das Traumbewusstsein kann gestärkt werden, so dass wir auch träumend über Selbstbewusstsein verfügen. Das heisst während des Träumens kann gezielt die universelle Lebenskraft genutzt und ins Wachleben gebracht werden.

-     Wachsein ist eine spezielle Form des Träumens, die durch Konzentration des Bewusstsein gesteuert wird.

 

Aufarbeitung von Träumen

 

Seit jeher war der Mensch daran interessiert, Traumbotschaften zu entschlüsseln. [8]Von den antiken Orakeln bis hin zur modernen Psychologie haben die Menschen drei grosse Fragen zu beantworten versucht:

  • Warum träume ich?
  • Was sagen meine Träume über mich?
  • Wie können Träume weiterhelfen?

Es gibt vielseitige Möglichkeiten, Träume zu bearbeiten. Hier die wichtigsten Methoden:

 

Der Traum als Drama (Dramastruktur C.G. Jung)

Träume folgen einer inneren Dramaturgie:

Exposition (Vorstellung) -> Desus (Problemstellung) ->  Climax (Höhepunkt) ->  Lysis (Auflösung)

Objektstufe – Subjekstufe (C.G. Jung)

Objektstufe: die Beziehung zwischen den Objekten (Menschen, Wesen, Figuren usw.)

Subjektstufe: Eigenschaften der Traumobjekte im Traum-Ich (Protagonist_in)

Dialog mit Traumelementen (Gestalttherapie)

Wechseln zwischen Objekt und  Subjekt, Identifikation mit Traumelementen und  Traumperson

Reinszenieren des Traumes (Psychodrama)

Erforschung durch eigenes Handeln, um Handlungsmöglichkeiten abzuleiten

 

Weitere Möglichkeiten: luzides Träumen, kreatives Umsetzen, freie Assosziation, Amplifikation (Verstärkung), Umstrukturierung (kognitive Therapie)

 

Träume sind Gefühle in bewegten Bildern

 

In meinem Ansatz zur Traumbearbeitung gehe ich davon aus, dass Traumbilder oder Traumfetzen ein Tor sind, um unbekannte oder unbewusste Anteile zu bearbeiten. Im Zustand einer herabgesetzten Selbstzensur (z.B. Träumen, unbewusste Körperbewegungen und Gesten), bietet das System die Möglichkeit, diese an die Oberfläche der Wahrnehmung zu holen.

 

·        [9]Alles, was im Traum auftritt oder geschieht, ist Teil der träumenden Person. Nicht nur das Traum-Ich, sondern jede Person, jedes Wesen, alles Gegenständliche, alle Orte und alles sinnlich Wahrnehmbare sind Teil der eigenen Persönlichkeit. Dieser Ansatz ist mittlerweile in allen Traumschulen verbreitet.

·        Der Traum kann nicht ohne Träumer gedeutet werden. Der Traum ist höchst individuell. Es gibt keine allgemeingültige Deutung von Trauminhalten.

·        Der Traum ist zeitlos. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bilden sich ab. Das Traumthema ist im Vordergrund und kann uns mit der Aufarbeitung für die Zukunft zur Verfügung stehen.

·        Der Traum ist eine Inspiritionsquelle höchster Qualität. Er ist eine kognitive Höchstleistung und mit keiner anderen Leistung tagsüber vergleichbar.Die Nachtfantasie, die sich im Traum äussert, ist bei weitem mächtiger als die Tagfantasie je sein könnte. Manche haben das Gefühl, dass sich an etwas Grösseres „andocken“

 

Arbeit mit Träumen - wie Träume weiterhelfen können.

 

Träume sind Bilder aus dem Leben, fast immer Bilder, die wir erfahren haben. Sie sind häufig in einer Reihenfolge, die unerklärlich scheint. Die Arbeit besteht darin, aus den Stücken, die der Traum der Seele als Anregung bringt, etwas entstehen zu lassen. Auch die „Cuts“ der Träume sind interessant. Warum reisst ein Traum an einer bestimmten Stelle ab? Warum endet gerade das Bild und ein Neues erscheint im Raum?

 

Es geht darum, sich den Trauminhalten anzunähern und die Traumwelt zu erforschen. Es ist eine Frage des sich einlassen, des Offenlegens des eigenen Selbst. Die Annäherung findet auf körperlicher und seelischer Ebene statt. Jeder Traum hält eine existentielle Botschaft bereit. Es ist ein Drehbuch des Lebens, ein eigenes Skript, eine grundlegene Struktur des Daseins. Einserseits erzählt der Traum etwas über die Traumperson (das Traum-Ich), andererseits ist er ein Abbild des Lebens „da draussen“. Wach- und Traumrealitäten gehen so ineinander über. Das Aufarbeiten von Träumen ist ein Prozess, der im „Hier und  Jetzt“ stattfindet. Obwohl Träume nur retrospektiv erforscht werden können, ist es für die Traumarbeit entscheidet, dass der Traum im Jetzt erlebt werden muss. Dies geschieht durch Erzählen, Fühlen, Visionieren und Bewegen der Traumaspekte und dem kreativen Umsetzen der Botschaften. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Traumojekte menschlich oder tierisch oder gegenständlich sind. Da jedes Objekt aus dem träumenden Menschen selbst geschaffen ist, hat es logischerweise etwas mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit zu tun. So hat im Traum auch ein Haus, ein Stuhl, eine Pfütze, ein Tier, eine Farbe eine Bedeutung und damit eine Aussage. Erst im Aufarbeiten der Sequenzen wird sichtbar, welche Bedeutung den Objekten zukommt. Oft ist es den Träumenden lange nicht einsichtig, was der Traum will. Der Traum ist die Sprache der tiefen Struktur, die versucht eine Botschaft zu vermitteln. Die Psyche wählt alle möglichen Wege, uns diese näherzubringen.

 

Das Erzählen des Traumes in der Ichform und Gegenwart hilft, sich der Gefühlslage anzunähern. Da der Traum aus der Tiefe des Selbst kommt, kann er nicht kognitiv aufgearbeitet werden, sondern muss gefühlt sein. Jede Traumfigur, jede Traumgestalt, jedes Traumobjekt soll zu Wort kommen, sich im Raum darstellen, die innere Haltung explorieren und  die Beziehung zu den andern Objekten und dem Traum-Ich erfahren.  Durch das Einverleiben im Jetzt beleben sich die Traumgestalten und machen sich dadurch der Gefühlswahrnehmung zugänglich.  

 

[10]Ein Traum kann einerseits auf der Objektstufe bearbeitet werden. Man kann sich fragen, welche für das aktuelle Leben relevanten Themen der Traum beinhaltet. Und welche Informationen und  Botschaften haben die einzelnen Traumbilder zu Beziehungspersonen und  anderen Aspekten im Wachleben? Andererseits kann ein Traum subjektstufig verstanden werden. Die einzenen Traumobjekte stellen jeweils spezifische Erlebnisswelten dar, die im Unbewussten der Träumenden vorhanden sein müssen. Diese verkörpern die inneren Möglichkeiten und können so thematische Vorlagen für eine intensive Reflexion bieten. Zwölf Fragen können als eine Art Leitfaden dienen, um sich den Inhalten anzunähern. Da unsere Träume jedoch sehr unterschiedlich sind, ist nicht immer jede Frage wichtig.

 

·      Hat der Traum einen Auslöser?
Der Traum enthält die unbewusste Ergänzung zur momentanen Bewusstseinlage. Der Traum ist ein Zusammenspiel von bewusstem Ich und Unbewussten.

·       Welcher Kontext zu den Trauminhalten lässt sich herstellen?
Die individuelle Situation gruppiert sich um ein Traumbild. Sie bildet die Basis der eigentlichen Verstehensarbeit.

·       Ist der Traum eine Kompensation zur bewussten Ich-Einstellung? Das Unbewusste greift druch den Traum besonders dann ein, wenn ein zu grosse Einseitigkeit im bewussten Ich dominiert.

·      Welche Position hat das Traum-Ich?
Das Traum-Ich wird als eine Art Verlängerung des Wach-Ich in den Traum erfahren

·       Gibt es Schattenaspekte im Traum?
Der Traum offenbart etwas über die Träumenden, das bisher unbekannt war und nicht zum Selbstbildnis passt.

·      Zeigen sich Komplexe im Traum?
Eine Einheit von Bildern und Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken beeinflussen häufig unbewusst Träume.

·       Ist eine kausale und/oder eine finale Bedeutung des Traumes zu erkennen?
Der Traum transportiert Bilder aus der Vergangenheit ins Hier und  Jetzt und kann ein Potential für künftige Entwicklungen  zur Verfügung stellen

·       Ist die formale Struktur des Traumes erkennbar?
Das Durchlaufen des Traumdramas  bis zur Lysis kann häufig eine Lösung darstellen.

·      Welche Dynamik wird im Traumgeschehen sichtbar?
Rückwärts- (Regression) und  vorwärts- (Progression)Bewegungen  werden oft auch im Wachleben wirksam.

·       Für welche Symbole im Traum gilt es Verständnis zu erarbeiten?
Welche Impulse aus den verschiedenen Schichtes des Unbewussten  zeigen sich als verbilderte Signale von emotionalen Energien.

·       Bietet sich die objektstufe und/oder die subjektstufige Betrachtungsweise des Traumes an?
Jede Vorgehensweise bietet verschiedene Ergebnisse zum Verstehen des Traumes.

·      Sind im Traum archetypische Signale oder Impulse aus dem Selbst erkennbar? Überpersönliche, kultur- und  generationenübergreifende Strukturen verweisen als Erinnerungsspur auf grundsätzliche Bedürfnisse, Emotionen und  Motive.

 

Oft zeigen sich im Aufarbeitungsprozess zwei gegensätzliche Kräfte: ein vorwärts gerichtete Energie (Sehnsucht, Protagonist, Held_in, Topdog) und eine reduzierende, einschränkenede Energie (Verhinderung, Antagonist, Dämon_in, Underdog) Damit kann im Sinne der Gestalttherapie gearbeitet werden. Die herausgeschälten Konflikte sind meist auf den ersten Blick nicht lösbar. Sie führen uns an den Rand des eigenen Selbstverständnisses. Und genau hier beginnt der Veränderungsprozess. Die träumende Intelligenz zeigt uns, was ausserhalb des Bekannten und Erforschten liegen kann.

 

Körperliche und gefühlsmässige Veränderungen während dem Darstellungsprozess verweisen auf die tiefer liegenden Botschaften hin. Die Arbeit besteht darin, diesen manchmal sehr kleinen Veränderung auf die Spur zu kommen und nicht zu bewerten und zu interpretieren. Gemäss Mindell hat das körperliche, oft lästige Symptom eine Botschaft. Ist diese Botschaft verstanden, kann ein Heilungsprozess oder ein Bewusstseinsprozess beginnen. Unbewusst verdrängte oder abgespaltene Persönlichkeitsanteile können integriert werden und stehen somit deren Bearbeitung zur Verfügung.

 

Eine Möglichkeit der individuellen Traumarbeit kann folgende praktische Schritte sein:

 

1.   Vergegenwärtigen des Traumes

2.   Aufschlüsselung der Trauminhalte

3.   Untersuchung der Handlungen im Traum

4.   Vergleich von Traumerleben und Wacherleben

5.   Suchen nach Lösungsansätzen

6.   Umsetzen der Lösungsansätze

 

Die Kunst des Traumverstehens

 

Zwischen Traumdeutung und Traumarbeit ist zu unterscheiden. Unter Deutung versteht sich, dass eine Person den Traum anhört und sich überlegt, was der Träum für die träumende Person bedeutet. Anders die Traumarbeit. Diese regt durch Fragen an, selbst über den Traum nachzudenken, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es geht in erster Linie um die Gefühle und  Reaktionen, die beim Traum-Ich ausgelöst werden. Das Ziel der Traumarbeit sind Aha-Erlebnisse: Die Träumenden haben das Gefühl, sich besser zu verstehen. Das ist ein entscheidender Ausgangspunkt, um eingefahrene Verhaltensmuster im Wachzustand ändern zu können. Dies führt zum Hauptziel der Traumarbeit, im Wachleben glücklicher, freudvoller und freier zu werden.

 

Träume lassen sich niemals vollständig und erst recht nicht mit einer simplen Gebrauchsanweisung verstehen. Der Umgang mit Träumen ist eine Kunst, die Intuition, Kombinationsverständnis, Welt- und  Menschenkenntnis und  Einfühlung verlangt. Träume haben das Potential mit einfachen Bildern aktuelle bzw. grundlegende Themen zu offenbaren und lehrreich darzustellen.

 


[1] Zumstein C. 2007, Der schamanische Weg des Träumens, Ullstein

[2] Schredl M. 2013, Träume. Springer Spektrum

[3] Holzinger B. 2007, Anleitung zum Träumen, Klett-Cotta

[4] Oneironaut, der: -en, (der Traumreisende, der Traum-Seefarher) griech. V. oneiros = Traum, nautes = Seefahrer),
Rausch S. 2014, Oneironaut, Create-Space

[5] Youtube.com oder www.stefanklein.info/Traumfilme

[6] Mindell A. 2003, Seine Träume deuten lernen, Via Nova

[7] Sirringhaus S. 2014, Oya-Magazin, www.feuervogel-seminare.de

[8] Klein St., 2014, Träume, s.Fischer

[9] Holzinger B. 2007, Anleitung zum Träumen, Klett-Cotta

[10] Schnocks D. 2015, Was unsere Träume sagen wollen, Herder

 



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