Am Rand des Selbstverständnisses beginnt der Traum

Mit Traumarbeit Träume verstehen

von Philipp Steinmann

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1. Einleitung

 

Träume führen uns an den Rand des eigenen Selbstverständnisses. Da wo der verstehende Geist aufhört, beginnt ein Veränderungsprozess für eine andere Bewusstheit. Die träumende Intelligenz zeigt, was ausserhalb des Bekannten und selbst Erforschten liegen kann. Träume wollen wahrgenommen und entschlüsselt werden. So können sie uns ihre Geheimnisse offenbaren. Der Traum verwirrt, irritiert, inspiriert und motiviert. Wer in Kontakt ist mit seinen Träumen, ist auch in Kontakt mit seinen Gefühlen, mit seinem Innersten, mit dem was bewegt, auch mit den unbewussten, ungelebten Anteilen.

 

Wie jedes Geschehen und jede Gefühlsregung bestimmen Träume unser Wachbewusstsein mit. Die Nachtfantasie, die sich im Traum äussert, ist weitaus komplexer als die normale, alltägliche Wachfantasie je sein könnte. Im Schlaf haben wir uns in uns selbst zurückgezogen. Hier beginnt die Psyche uns einen Teil ihrer Botschaft zu vermitteln.

 

Das Schöpfen aus den nächtlichen Erlebnissen ist ein äusserst kreativer Vorgang und führt zu einem vertieften Wahrnehmen der eigenen Persönlichkeit. Der Traum mit allen seinen Objekten und Subjekten kommt aus dem Innern selbst. Er ist eine Geburt unseres Körpers, der Seele, des Kopfes und des Geistes. Er hat damit den gleichen Anspruch auf Wahrheit oder Wahrhaftigkeit wie jede andere Art von Wahrnehmung (Kontemplation, Suggestionen, Tiefenimagination, schamanisches Reisen usw). 1[1]Das Traum-Ich ist wandelbar, kann sich vervielfachen, ist gefühls- und affektgesteuert, selbstvergessen, kann bis in Zeiten zurücksinken, als Menschen in Stämmen lebten, kann selbst zum magischen Tier werden.

 

 

2. Worauf sich das Wissen über Träume bezieht – ein wissenschaftlicher Exkurs

 

[2] Die Wissenschaft zieht um die Grenze des Begriffs eine enge Definition. Der Traum oder Traumbericht ist die Erinnerung an die psychische Aktivität während dem Schlaf. Gemeint ist damit vor allem das ganzheitliche Erleben von Wahrnehmung, Fühlen und Denken. Heute geht man davon aus, dass Träume nicht nur während den REM*-Phasen stattfinden, sondern dass das Gehirn auch während den NREM-Phasen aktiv ist. Träume sind subjektives Erleben, das noch mit keiner Messtechnik gemessen werden kann. Erinnerungen an Träume aus der NREM-Phase sind in der Regel kürzer, weniger bizarr und gleichen eher Gedanken. Sie enthalten meist weniger Bilder.

*“rapid eye movements“: eine Tiefschlafphase, die sich durch schnelle Augenbewegungen auszeichnet, die dieser Schlafperiode den Namen gegeben haben. NREM sind Schlafphasen ohne Augenbewegungen. Trotzdem ist das Hirn aktiv.

 

 

Art der Träume

Rückerinnerungen an:

REM-Träume

Psychische Aktivität während des REM-Schlafes. 80% der in dieser Phase geweckten Menschen berichten von bildhaften  und  gefühlten Eindrücken und Erleben.

NREM-Träume

Psychische Aktivität während des NREM-Schlafes. 50% der aus der NREM-Phase geweckten Personen haben Erinnerungen, allerdings kürzer, weniger bizarr als während REM-Phasen

Einschlafträume

Psychische Aktivität während des ersten Schlafestadiu: Sie sind meist nur bewusst, wenn Schlafende durch äussere Umstände geweckt werden. Einschlafträume gleichen eher Gedanken als REM-Träumen. Die Themen sind häufig eine oft ins Bizarre führende gedankliche Weiterführung von Wachgedanken. Allerdings gibt es grosse Unterschiede des Erlebens zwischen verschiedenen Menschen.

 

Alpträume

REM Träume mit stark unangenehmen Affekt, der zum Erwachen führt. Sie sind meist mit Angstzuständen verbunden. Sie unterscheiden sich zu Angstträumen oder „schlechten“ Träumen, die ebenfalls sehr starke negative Gefühle beiinhalten, die aber nicht zum Erwachen führen.  [3]Meist sind traumatische Ereignisse die Quelle der Alpträume. Luzides Träumen und die Konditionierung für eine „gutes Ende“ des Traumes können zur Bewältigung von Alpträumen hilfreich sein.

Pavor nocturnus

Nächtliches Aufschrecken mit Angst aus dem Tiefschlaf, evt. Auftreten von NREM-Träumen. Meist Kinder leiden unter dieser Schlafstörung. Meist zu Beginn der Nacht kann das Aufwachen zu Schlafwandeln führen. Der Zuständ hält oft etliche Minuten an wobei die Person meist nicht ansprechbar ist. Konktrete Traumbilder sind sehr selten.

Posttraumatische Wiederholungen

REM- oder NREM-Träume, die eine realistische Wiederholung eines Traumas darstellen. Das Phänomen scheint mit den typischen Rückerinnerungen (Flashback) verwandt zu sein, die bei traumatisierten Personen während des Tages auftreten können.

Luzide Träume (oder Klarträume)

REM-Träume, in denen das Bewusstsein vorliegt, dass gerade geträumt wird. Damit kann bewusst auf das Traumgeschehen Einfluss genommen werden. Die Träume werden oft als lebendiger und  gefühlsintensiver wahrgenommen als „normale“ Träume. In der Regel sind 0.3% bis 0.7% aller Träume luzide, bei sehr trainierten Personen liegt der Anteil bei maximal 6.5%. Die meisten luzid Träumenden (Oneironaut[4])  beschäftigen sich während des luziden Träumens mit der Kunst zu Fliegen und sexuellem Erleben.

 

Die Wissenschaft findet immer ausgereiftere Methoden, unsere Innenräume greifbar zu machen. Die Psychoanalyse mit ihrem bedeutendsten ersten Vertreter Sigmund Freud, geht davon aus, dass die Träume unbewusste seelische Prozesse sind. Kein Detail sei zufällig, alles lasse sich aus der Lebensgeschichte erklären. Die Neurobiologen verwerfen die Erinnerungen der Träumenden als zufällig. Im Schlaf erzeuge das Gehirn zufällige, chaotische Signale. „Wir sollten in Betracht ziehen, dass der Trauminhalt auch geistiger Müll sein kann“, schrieb 2002 der Amerikaner Allan Hobson6, einer der Pioniere der neurobiologischen Traumforscher. Mittlerweile stehen weltweit riesige Datenbanken zur Verfügung. 2012 gelang es einem japanischen Labor, Träume mit einem Hirnscanner in Echtzeit aus den Köpfen zu erfassen und die Bilder zu projezieren.5

 

 

3. Der Anfang der analytischen Traumdeutung (Freud und Jung)

 

2Der Traum gilt gemäss Freud als der „Königsweg zum Unbewussten“. Für ihn ist der Traum hauptsächlich mit einer Wunschvorstellung verbunden, allem voran mit sexuellen, triebbehafteten Wünschen. Freud geht davon aus, dass das Unbewusste ein Wissen hat, von dem jedoch die Person nichts wissen möchte. Im Schlaf wirkt etwas was Freud die Traumzensur nennt. In der Psychoanalyse ist der Traum eine Verschlüsselung von etwas Unangenehmen, das entweder Angst, Scham oder Schuldgefühle verursacht. Der Traum muss täuschen, damit er nicht von vornherein als eigentliche Wunscherfüllung erkannt wird. Nach Freud muss die Bedeutung eines Traumes in einem komplizierten Prozess der freien Assoziation erarbeitet werden. Ziel ist es, dass sich der Traum nach vollendeter Deutung als Wunscherfüllung darstellt. Auch Angstträume sind laut Freud die Kehrseite eines Wunsches, da sich der Mensch vor den Wünschen fürchtet. Darum programmiert das Über-Ich einen unangenehmen Traum, der die Wunscherfüllung eines verdrängten Teils ist.

 

 

Anders sieht es C.G.Jung. Für ihn war die Sexualität nur ein Teil des Seelenlebens. Er erkannte in den Träumen allgemein menschliche Verarbeitungsprozesse. Im kollektiven Unbewussten sind die Urbilder der Menschheit abgebildet, die er Archetypen nannte. Sie erzeugen nicht nur emotional bedeutende Bilder, sondern sie sind auch für das Wahrnehmen, das Gefühlsleben und das Verhalten massgebend. Bilder in den Träumen sind die wahrhaftige Sprache der Seele, also nicht entstellte infantile Wünsche wie Freud sagt. In den Träumen bilden sich emotional bedeutsame Geschichten ab, in denen auch das Ergänzende, Ausgleichende angeboten wird.  Es können mythologische Themen auftreten - archetypische Träume, die besonders eindrücklich sind. Sie treten meist auf, wenn Änderungen im Leben anstehen. Jung sieht darin auch ein Selbstheilungsversuch der Seele mit einer zielgerichteten Orientierung. In seiner Traumdeutung geht es darum, dass der Traum emotional wirken soll, denn die Emotionen leiten Veränderungen ein.

 

 

4. Träume in der Gestalttherapie

 

Die Hauptidee der Gestalttheorie ist, dass innerlich nicht abgeschlossene Angelegenheit nach Vollendung, nach Vervollständigung drängen. Jedes nicht gelebte Gefühl möchte gelebt werden, da es sich ansonsten in den Gedanken und Fantasien ausbreitet. Diese offenen Gestalten drücken von allein an die Oberfläche der Bewusstheit, sobald das Gefühls- und  Gedankensystem dies zulässt. Fritz und Laura Perls als Begründer_in der Gestalttherapie erachteten als Ziel, dass der Mensch sein verlorenes Potential zurückgewinnt, seine konflikthaften Polaritäten integrieren und ein authentisches Verhalten lernt. So wie die Persönlichkeit fragmentiert auftritt, so sind auch die Träume. Viele Teile sind weder miteinander verbunden, noch arbeiten sie vernetzt. Sie müssen noch zu Ganzheiten zusammenfinden, um ein Individuum wirksam sein zu lassen. Damit die Traumarbeit erlebt werden kann, kommen die verschiedenen Anteile in den Vordergrund und zueinander in Beziehung. Traumfiguren, Symbole, Gesten, Landschaften, Tiere, Dinge repräsentieren zumeist Anteile der Träumer. Ziel ist die Integration von schwierigen Figuren wie bedrohliche, eklige oder sonstwie abstossende Gestalten. In der Arbeit mit den einzelnen Sequenzen und Figuren werden die Botschaften sichtbar. Mittlerweile entwickelte sich die Traumforschung in der Gestalttherapie auch dahin, dass real existierende Personen auch als solche betrachtet werden. (Traumarbeit auf der Objektstufe, siehe unten).

 

 

5. Träume nach Arnold Mindell[5]

 

Mindell nimmt nicht nur Nachtträume, sondern auch Tagträume als Material zur Erkenntnisgewinnung. Nachtträume sind laut Mindell bloss eine Reflexion des kontinuierlichen Flusses subtiler Signale oder "Flirts", die 24 Stunden am Tag in unser Bewusstsein eintreten und von den Träumenden stammen. Mit seiner Aussage: „Der Körper lebt das aus, was der Geist nachts träumt“ meint er, dass Träume Botschaften sind, die noch nicht das Bewusstsein erreicht haben und die oft schwer für den Betroffenen und für sein Umfeld zu akzeptieren sind. In der Traumkörperarbeit geht es darum, die tiefere Ebene von Körpersymptomen in Erfahrung7. Mindell unterscheidet zwischen primären und sekundären Prozessen. Mit dem primären Prozess sind alle Abläufe in und um einen Menschen gemeint, die mit der Vorstellung übereinstimmen, die er von sich selbst hat. Sie sind dem Bewusstsein nahe. Der sekundäre Prozess ist zwar auch immer allgegenwärtig, aber nicht bewusst. Dazu gehören auch die nichtinhaltlichen Teile einer Kommunikation wie Gestik, Stimme und Bewegungen, die nicht kontrolliert sind. Auch Krankheitssymptome sind Teile eines sekundären Prozesses, dessen Sinn nur vage bewusst ist. Der sekundäre Prozess ähnelt etwas dem Begriff des Unbewussten, deckt sich aber nicht völlig damit.

 

 

6. Schamanische Traumarbeit

 

1Alle Schlafenden erträumen sich eine eigene Welt – leider aber wissen sie nichts von einander. Als Träumende in der schamanischen Welt finden wir uns immer in einem gemeinsamen Erlebnisraum und nicht der in unserem Inneren verborgene Raum unter der Schädeldecke oder in einem Seelenraum. Nur das Wachsein kennt ein Inneres. Träumen spielt sich immer in einer Aussenwelt ab. Erst nachträglich und im Wachzustand können wir die Welt des Träumens als Imaginationsraum in unser Inneres verlegen. Es scheint, dass wir nachts in die Vorzeit unserer Bewusstheit zurückkehren.

 

Joseph Campbell sagt: „Träume sind persönliche Mythen. Mythen sind kollektive Träume“. Wenn wir den Träumen eine Wirklichkeit geben und sie verbinden mit der mystischen Wirklichkeitserfahrung der Schamanen, dann erscheint das Bewusstsein wie das Meer, aus dem Inseln des Wachseins und Insel des Träumens aufsteigen. Wir können uns vorstellen, unsere Wachwelt sei ein während vieler Generationen gemeinsam erträumter Kontinent des Wachens, eine verdichtete Form des Träumens. Das Meer ist die Unendlichkeit des Bewusstseins. Ein Bewusstsein, das sich noch nicht in Formen, Gestalten, Szenen verfestigt, sondern nur als Urkraft träumendes Bewusstsein. In dieses Bewusstsein sinken wir jede Nacht beim Einschlafen. Für die Schamanen und Schamaninnen ist die Natur, die Erde und der Kosmos die vollkommene Verwirklichung eines über allem stehenden, alles verursachenden Bewusstseins. Im Träumen begegnen wir der Lebenskraft, die in allem wirkt, was ist.

 

Der Unterschied zum psychologischen Verstehen und der schamanischen Sichtweise zeigt sich in der Beschreibung der Wirklichkeit des Traumbewusstseins und der Kräfte des Träumens:


 

·      Die Seele und das Bewusstsein kommen mit einer anderen Wirklichkeit in Kontakt, die als Lichtwirklichkeit ebenso real ist, wie unsere Alltagswirklichkeit.

 

·      Die Seele begegnet der universellen Lebenskraft.

 

·      Das Traumbewusstsein kann gestärkt werden, so dass wir auch träumend über Selbstbewusstsein verfügen. Das heisst während des Träumens kann gezielt die universelle Lebenskraft genutzt und ins Wachleben gebracht werden.


 

·      Wachsein ist eine spezielle Form des Träumens, die durch Konzentration des Bewusstsein gesteuert wird.

 

 

7. Aufarbeitung von Träumen

 

Seit jeher war der Mensch daran interessiert, Traumbotschaften zu entschlüsseln. [6]Von den antiken Orakeln bis hin zur modernen Psychologie haben die Menschen drei grosse Fragen zu beantworten versucht:

 

·      Warum träume ich?

 

·      Was sagen meine Träume über mich?

 

·      Wie können Träume weiterhelfen?

 

Es gibt vielseitige Möglichkeiten, Träume zu bearbeiten. Hier die wichtigsten Methoden:

 

 

Der Traum als Drama (Dramastruktur C.G. Jung)

Träume folgen einer inneren Dramaturgie. Die einzelnen Phasen gliedern sich in:

1. Exposition (Vorstellung) -> 2. Desus (Problemstellung) -> 3. Climax (Höhepunkt) ->
4. Lysis (Auflösung)

Objektstufe – Subjekstufe (C.G. Jung)

Objektstufe: die Beziehung zwischen den Objekten (Menschen, Wesen, Figuren, Orte usw.)

Subjektstufe: Eigenschaften der Traumobjekte im Traum-Ich (Protagonist_in)

Dialog mit Traumelementen (Gestalttherapie)

Wechseln zwischen Objekt und Subjekt, Identifikation mit Traumelementen und Traumperson

Reinszenieren des Traumes (Psychodrama)

Erforschung durch eigenes Handeln, um Handlungs-möglichkeiten abzuleiten

 

 

Weitere Möglichkeiten: luzides Träumen, kreatives Umsetzen, freie Assosziation, Amplifikation (Verstärkung), Umstrukturierung (kognitive Therapie)

 

 

8. Träume sind Gefühle in bewegten Bildern

 

In meinem Ansatz zur Traumbearbeitung gehe ich davon aus, dass Traumbilder oder Traumfetzen ein Tor sind, um unbekannte oder unbewusste Anteile hervorzuholen, um sie der Bearbeitung zugänglich zu machen. Im Zustand einer herabgesetzten Selbstzensur (z.B. in Träumen, unbewusste Körperbewegungen und Gesten), bietet das System die Möglichkeit, diese an die Oberfläche der Wahrnehmung zu holen.

 

·        9Alles, was im Traum auftritt oder geschieht, kann Teil der träumenden Person sein - nicht nur das Traum-Ich, sondern jede Person, jedes Wesen, alles Gegenständliche, alle Orte und alles sinnlich Wahrnehmbare.

 

·        Der Traum kann nicht ohne Träumer_in gedeutet werden. Der Traum ist höchst individuell. Es gibt keine allgemeingültige Deutung von Trauminhalten.

 

·        Der Traum ist „Nicht-zeitlich“. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bilden sich ab und können sich vermischen. Der Traum ist „Nicht-lokal“. Das Traumgeschehen ist nicht ortsgebunden.

 

·        Das Traumthema ist im Vordergrund und kann uns mit der Aufarbeitung für die Zukunft zur Verfügung stehen.

 

·        Der Traum ist eine Inspirationsquelle höchster Qualität. Er ist eine kognitive Höchstleistung und mit keiner anderen Leistung aus der alltäglichen Wirklichkeit vergleichbar. Die Nachtfantasie, die sich im Traum äussert, ist bei weitem komplexer und tiefgründiger als die Tagfantasie je sein könnte. Manche träumende Menschen haben das Gefühl, dass sie sich an etwas Grösseres „andocken“

 

 

9. Arbeit mit Träumen - wie Träume weiterhelfen können.

 

Träume sind Bilder aus dem Leben, fast immer Bilder, die wir erfahren haben. Sie sind häufig in einer Reihenfolge, die unerklärlich scheint. Die Arbeit besteht darin, aus den Stücken, die der Traum der Seele als Anregung bringt, etwas entstehen zu lassen. Auch die „Cuts“ der Träume sind interessant. Warum reisst ein Traum an einer bestimmten Stelle ab? Warum endet gerade das eine Bild und ein Neues erscheint im Raum? Was bedeuten diese „Brücken“?

 

Die Annäherung an die Trauminhalte und Erforschung der Traumwelt ist eine Frage des Sich- einlassens, des Offenlegens des eigenen Selbst. Die Annäherung findet auf körperlicher und seelischer Ebene statt. Jeder Traum hält eine existentielle Botschaft bereit. Es ist ein Drehbuch des Lebens, ein eigenes Skript, eine grundlegende Struktur des Daseins. Einerseits erzählt der Traum etwas über die Traumperson (das Traum-Ich), andererseits ist er ein Abbild des Lebens „da draussen“ (Traumobjekte). Wach- und Traumrealitäten gehen so ineinander über.

 

Das Aufarbeiten von Träumen ist ein Prozess, der im „Hier und Jetzt“ stattfindet. Obwohl Träume nur retrospektiv erforscht werden können, ist es für die Traumarbeit entscheidend, dass der Traum im Jetzt nochmals gefühlt wird. Da der Traum aus der Tiefe des Selbst kommt, kann er nicht kognitiv aufgearbeitet werden. Das Erzählen in der Ichform und Gegenwart hilft, sich der Gefühlslage des Traumes anzunähern.

 

Da jedes Traumobjekt und auch das Traum-Ich aus dem träumenden Menschen selbst geschaffen ist, hat es logischerweise etwas mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit zu tun. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Traumobjekte menschlich oder tierisch oder gegenständlich sind. So hat auch ein Wesen, ein Stuhl, eine Pflanze, ein Tier oder eine Farbe eine Bedeutung und damit eine Aussage. Jede Traumfigur, jede Traumgestalt, jedes Traumobjekt soll zu Wort kommen, sich im Raum darstellen, die innere Haltung explorieren und die Beziehung zu den andern Objekten und dem Traum-Ich erfahren. Durch das Einverleiben im Jetzt machen sich die Traumgestalten der Gefühlswahrnehmung zugänglich. Dann wird sichtbar, welche Bedeutung den Objekten zukommt. Oft ist es den Träumenden lange nicht einsichtig, was der Traum mitteilen will. Der Traum ist die Sprache der tiefer liegenden Seelenwelt, die versucht eine Botschaft zu vermitteln. Die Psyche wählt dazu alle möglichen Wege, uns diese näher zu bringen.

 

 

10Ein Traum kann einerseits auf der Objektstufe bearbeitet werden. Man kann sich fragen, welche für das aktuelle Leben relevanten Themen der Traum beinhaltet. Und welche Informationen und Botschaften die einzelnen Traumbilder zu Beziehungspersonen und anderen Aspekten im Wachleben haben. Der Fokus der Bearbeitung richtet sich auf die Objekte ausserhalb des Gefühlsraumes einer Person. Andererseits kann ein Traum subjektstufig verstanden werden. Die einzelnen Traumobjekte stellen jeweils spezifische Erlebniswelten dar, die im Unbewussten der Träumenden vorhanden sein müssen. Sie sind verbunden mit gelebten
und ungelebten Gefühlen, Körperempfindungen, Wahrnehmungen
und Ahnungen. Diese verkörpern die inneren Möglichkeiten und können so thematische Vorlagen für eine intensive Reflexion bieten.

 

 

10. Leitfaden zur Traumannäherung

 

Zwölf Fragen können als eine Art Leitfaden dienen, um sich den Inhalten anzunähern. Da unsere Träume jedoch sehr unterschiedlich sind, ist nicht immer jede Frage wichtig.

 

 

·       Hat der Traum einen Auslöser?
Der Traum enthält die unbewusste Ergänzung zur momentanen Bewusstseinslage. Der Traum ist ein Zusammenspiel von bewusstem Ich und Unbewussten.

 

·       Welcher Kontext zu den Trauminhalten lässt sich herstellen?
Die individuelle Situation gruppiert sich um ein Traumbild. Sie bildet die Basis der eigentlichen Verstehensarbeit.

 

·       Ist der Traum eine Kompensation zur bewussten Ich-Einstellung? Das Unbewusste greift druch den Traum besonders dann ein, wenn ein zu grosse Einseitigkeit im bewussten Ich dominiert.

 

·      Welche Position hat das Traum-Ich?
Das Traum-Ich wird als eine Art Verlängerung des Wach-Ich in den Traum erfahren.

 

·       Gibt es Schattenaspekte im Traum?
Der Traum offenbart etwas über die Träumenden, das bisher unbekannt war und nicht zum Selbstbildnis passt.

 

·      Zeigen sich Komplexe im Traum?
Eine Einheit von Bildern und Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken beeinflussen häufig unbewusst Träume.

 

·       Ist eine kausale und/oder eine finale Bedeutung des Traumes zu erkennen?
Der Traum transportiert Bilder aus der Vergangenheit ins Hier und  Jetzt und kann ein Potential für künftige Entwicklungen zur Verfügung stellen.

 

·       Ist die formale Struktur des Traumes erkennbar?
Das Durchlaufen des Traumdramas bis zur Lysis kann häufig eine Lösung darstellen.

 

·      Welche Dynamik wird im Traumgeschehen sichtbar?
Rückwärts- (Regression) und Vorwärts- (Progression)Bewegungen werden oft auch im Wachleben wirksam.

 

·       Für welche Symbole im Traum gilt es Verständnis zu erarbeiten?
Welche Impulse aus den verschiedenen Schichtes des Unbewussten zeigen sich als verbilderte Signale von emotionalen Energien?

 

·       Bietet sich die objektstufe und/oder die subjektstufige Betrachtungsweise des Traumes an?
Jede Vorgehensweise bietet verschiedene Ergebnisse zum Verstehen des Traumes.

 

·      Sind im Traum archetypische Signale oder Impulse aus dem Selbst erkennbar? Überpersönliche, kultur- und generationenübergreifende Strukturen verweisen als Erinnerungsspur auf grundsätzliche Bedürfnisse, Emotionen und  Motive.

 

Oft zeigen sich im Aufarbeitungsprozess zwei gegensätzliche Kräfte: ein vorwärts gerichtete Energie (Sehnsucht, Protagonist, Held_in, Topdog) und eine reduzierende, einschränkende Energie (Verhinderung, Antagonist, Dämon_in, Underdog) Damit kann im Sinne der Gestalttherapie gearbeitet werden. Die herausgeschälten Konflikte sind meist auf den ersten Blick nicht lösbar. Sie führen uns an den Rand des eigenen Selbstverständnisses. Und genau hier beginnt der Veränderungsprozess. Die träumende Intelligenz zeigt uns, was ausserhalb des Bekannten und Erforschten liegen kann.

 

Körperliche und gefühlsmässige Veränderungen während dem Darstellungsprozess verweisen auf die tiefer liegenden Botschaften hin. Die Arbeit besteht darin, diesen manchmal sehr kleinen Veränderung auf die Spur zu kommen und nicht zu bewerten und zu interpretieren. Gemäss Mindell hat das körperliche, oft lästige Symptom eine Botschaft. Ist diese Botschaft verstanden, kann ein Heilungsprozess oder ein Bewusstseinsprozess beginnen. Unbewusst verdrängte oder abgespaltene Persönlichkeitsanteile können integriert werden und stehen somit deren Bearbeitung zur Verfügung.

 

Eine Möglichkeit der individuellen Traumarbeit kann folgende praktische Schritte enthalten:

 

1.     Vergegenwärtigen des Traumes

 

2.     Aufschlüsselung der Trauminhalte

 

3.     Untersuchung der Handlungen im Traum

 

4.     Vergleich von Traumerleben und Wacherleben

 

5.     Suchen nach Lösungsansätzen

 

6.     Umsetzen der Lösungsansätze

 

 

11. Die Kunst des Traumverstehens

 

Zwischen Traumdeutung und Traumarbeit ist zu unterscheiden. Unter Deutung versteht sich, dass eine Person den Traum anhört und sich überlegt, was der Träum für die träumende Person bedeutet. Anders die Traumarbeit. Diese regt durch Fragen, räumliche Darstellung und Inszenierungen an, selbst über den Traum nachzudenken und nachzuspüren, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es geht in erster Linie um die Gefühle und Reaktionen, die beim Traum-Ich ausgelöst werden. Das Ziel der Traumarbeit sind Aha-Erlebnisse: Die Träumenden haben das Gefühl, sich besser zu verstehen. Das ist ein entscheidender Ausgangspunkt, um eingefahrene Verhaltensmuster im Wachzustand ändern zu können.

 

12. Fazit

 

Träume lassen sich niemals vollständig und erst recht nicht mit einer simplen Gebrauchs-anweisung verstehen. Je nach Vorgehensweise werden unterschiedliche Aspekte ins Bewusstsein gehoben. Der Umgang mit Träumen ist eine Kunst, die Intuition, Kombinationsverständnis, Welt- und Menschenkenntnis und Einfühlung verlangt. Träume haben das Potential mit ihren einfachen Bildern aktuelle bzw. grundlegende Themen zu offenbaren und lehrreich darzustellen. Wenn wir darüber hinaus während des Tages in einer Gefühlsqualität wie während eines Nachttraumes leben und die Umgebung traumgleich wahrnehmen, kann sich eine wesentlich grössere Welt offenbaren. Eine Welt, in der nicht nur die individuelle Gestaltungskraft bestimmend ist, sondern die Schöpfungskraft des Universums spürbar ist. Wenn der Forschergeist am Träumen geweckt ist und das Interesse stärker wird, erfahren sich Menschen gleichzeitig als Träumende und als Traum. Beim Durchschreiten solcher Traumtore kommt das Schöpfungsgefühl ein Stück näher



[1] Zumstein C. 2007, Der schamanische Weg des Träumens, Ullstein

[2] Schredl M. 2013, Träume. Springer Spektrum

[3] Holzinger B. 2007, Anleitung zum Träumen, Klett-Cotta

[4] Oneironaut, der: -en, (der Traumreisende, der Traum-Seefarher) griech. V. oneiros = Traum, nautes = Seefahrer),
Rausch S. 2014, Oneironaut, Create-Space

[5] Mindell A. 2003, Seine Träume deuten lernen, Via Nova

[6] Klein St., 2014, Träume, s.Fischer

7 Sirringhaus S. 2014, Oya-Magazin, www.feuervogel-seminare.de

8 Klein St., 2014, Träume, s.Fischer

9 Holzinger B. 2007, Anleitung zum Träumen, Klett-Cotta

10 Schnocks D. 2015, Was unsere Träume sagen wollen, Herder

 

 



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